Backstage, Messesplitter 16.03.2015

Spinner, Selbstdarsteller und Tausendsassas

Karla Paul, Autorenrunde
Karla Paul: eine von 54 Referenteninnen und Referenten der "Leipziger Autorenrunde"

Palindrom-Gedichte. Self-Publisher. Idealisten! Treffe ich in Leipzig nur… Bekloppte? Eindrücke von der „Leipziger Autorenrunde“ 2015. .

Leander Wattig macht mir Angst. Ein Blogger, Berater, Vortragsredner Mitte 30, der in Leipzig Buchwirtschaft studierte, Kurse, Workshops, Uni-Seminare übers Bücherverkaufen und -machen gibt, ein halbes Dutzend Netzwerke und Branchen-Initiativen gründete und leitet, Websites wie „Ich mach was mit Büchern“ und die pub’n’pub-Stammtische in allen größeren deutschsprachigen Städten. Korrekt gekleidet. Auf allen Kanälen charmant und informiert. Selbstbewusst professionell.

Ich selbst bin selbstbewusst… dreiviertelprofessionell, und denke oft an einen Nicht-Freund aus den Monaten vor dem Abitur, der mich vom Parkplatz aus zur Schule hetzen sah und, als ich keuchte und die Augen rollte und rief: „Mein Auto-Türgriff fror fest, über Nacht. Ich kriegte die Tür nicht auf!“ sofort den (BMW?-)Schlüssel hob und sagte: „Oh. Das ist blöd. Wenn man keinen Türschloss-Enteiser hat.“

Wattig ist kein Streber oder Schnösel. Er wäre der erste, der mir seinen Türschloss-Enteiser leiht. Oder allen verrät, wo sie einen eigenen finden. Nur ist mir oft plausibler, dass Leute straucheln, stolpern, improvisieren… und es trotzdem schaffen: Ich möchte mit Leander Wattig arbeiten. Ich möchte von Leander Wattig lernen. Ich werde nur nie, nie, nie Leander Wattig werden. Das kann ich nicht. Und will es auch nicht können müssen.

Frankfurter Virenschleudern

Jeden Herbst, beim jährlichen „Virenschleuderpreis“ der Frankfurter Buchmesse, schafft Wattig eine Bühne für überraschend einflussreiche, engagierte Buch-und-Netzmenschen: Leute, deren Ideen anstecken und viral gehen. Literatur-Aktivisten im besten Sinn. Statt abends auf der Preisverleihung zu sitzen, blieb ich am Frankfurter Messe-Freitag weiter oben am Arbeitsplatz am Deutschlandradio-Stand, noch lange nach offizieller Schließung der Messe, und las mich in den „Virenschleuder“-Irrsinnstexten fest:

15 nominierte „Virenschleuder-Persönlichkeiten“, jeweils von einem Freund, Fan oder Fürsprecher in langen Texten portraitiert, als Vordenker, Visionäre, mutige Freaks in einer Sprache angepriesen wie aus der Apple-Keynote, dem Selbstfindungs-Seminar oder dem Fördergeldantrag eines Berliner Startups. Nie ohne Charme, mit vielen Überraschungen und Profil.

Doch trotzdem war ich lieber spontan mit Freundin X., ihrem Freund und seiner Schwester auf der gruseligsten Toilette der Frankfurter Messe. Danach zu viert Falafel essen. Dann bei einer (tollen, weil entspannten) Lyriklesung im Nachtclub und einer (faden, weil verspannten) Verlagsparty im Literaturhaus. Und kurz nach Mitternacht kaufte ich mir ein iranisches Pfirsich-Bier am Kiosk und ging im Nieselregen heim. Allein. Still. Glücklich.

Vor ein paar Wochen fragte Leander, ob ich dozieren will – in einer Großveranstaltung am Messe-Samstag, der „Leipziger Autorenrunde“. 54 Referenten mit jeweils zwei 45-minütigen Workshops; sieben Stunden Programm für gut 200 Teilnehmer, Themen wie „Werben mit Google AdWords“, „Verlagsverträge professionell verhandeln“, „Aufbau einer Autorenmarke“, „Erfolgreiches Buch-Crowdfunding“, Dozenten wie Elisabeth Ruge, Digitalexperte Michael Seemann, mehrere Self-Publishing-Autoren, Berater, Lektoren.

Leipziger Autorenrunden

Ich mag Seminare. Workshops. Lehraufträge. Ich höre gern zu – und unterrichte gern selbst. Die 200 Besucher der „Autorenrunde“ spalten sich auf 20 runde Konferenztische auf. An jedem Tisch sitzt oder steht ein anderer Dozent. Mein Thema ist das Feuilleton: Rezensionsexemplare, Kritiken, Blogs. „Wie treten Agenten, Verlage und Self-Publisher mit Rezensenten in Kontakt? Wann wird ein Buch besprochen – und ist schlechte Presse besser als gar keine? „

Die erste Runde mit einem Dutzend Zuhörern macht Spaß. Einige wollen bloggen. Die meisten ihr Buch im Feuilleton platzieren. Alle interessieren sich für die Arbeit mit Redaktionen, tauschen Erfahrungen. Stellen sehr präzise Fragen. Eine Woche lang, bei der Vorbereitung, dachte ich: „Am besten, du packst alles Wichtige in einen großen 45-Minuten-Vortrag.“ Dann: „Stopp! Schreib es doch einfach auf ein Handout. Rede frei!“ Und jetzt, in letzter Minute: „Lern diese Leute kennen: Alle Fakten stehen auf dem Papier. Lass einfach Fragen kommen und finde raus, wie du hier helfen kannst.“

Der zweite Durchgang, mit einem weiteren Dutzend Teilnehmern, ist noch dichter. Ich merke, dass ich beim theoretischen dritten Mal noch ruhiger, präziser wäre. Zeitgleich dozieren Elisabeth Ruge, Wibke Ladwig und Christiane Frohmann. Ich hätte gerne zugehört. Ich bleibe für zwei weitere Runden, höre Übersetzerin Isabel Cole und, kurz, Bestsellerautorin Britta Sabbag und Social-Media-Expertin Karla Paul. Und merke dabei:

Hier sitzen richtig seltsame Leute.

Spinner und Verlierer

Fast alle Teilnehmerinnen an Isabel Coles Übersetzungs-Q&A haben Bücher im Eigenverlag veröffentlicht – und wollen jetzt auf den US-Markt. Fast alle Teilnehmer aus meiner Runde haben Bücher an Redaktionen und Blogs geschickt – und machen weiter PR für eigene Projekte. Fast jeder in diesem Konferenzraum ist hier, weil er größer rauskommen will. Vom Schreiben leben. Sich professionalisieren.

Ich kenne das gut. Die meisten Leute, die seit zwölf Jahren mit oder vor mir in Seminaren sitzen, auf Lesungen und in Büros, an Schreibschulen und auf Bühnen, haben diesen Traum: Romane schreiben. Für und mit Büchern arbeiten. Erfolgreich verlegen. Trotzdem merke ich: Diese Leute hier, Leanders Autorenrunde, ist anders. Hier sind tatsächlich 200 Menschen, die sich als Autoren verstehen. Nach Leipzig fuhren und 60 Euro zahlten, um von uns Rednern und Dozenten zu lernen. Das ist ein große Ehre. Ein großer Anspruch.

Ich sehe einen Mann mit kurzem, grauen Haar, sympathischem Sakko – und einem Seidenschal wie ein Atompilz. Eine Digital-Autorin Anfang 20 mit tollem Sweater, tollen Strähnchen – und aggressiver Nail-Art. Irritierend große oder kleine Handtaschen und Ketten. Irritierend viel oder wenig Makeup. Irritierende Strenge. Irritierende Lässigkeit. Auffällig, interessant gekleidete Menschen. Am liebsten würde ich fast jeden hier fotografieren. Denn jeder hier hat irgendein exzentrisches, absurdes, selbstbewusst-unkonventionelles Detail.

Nur eben: ein Detail.

Selbstdarsteller und Idealisten

Im Lauf des Tages merke ich, wie viele Dinge ich leichtfertig in eine große „Achtung: Selbstdarstellung!“-Schublade stecke: Wenn ich Leander Wattigs Netz-Erfolge lese, sehe ich Inhalte. Und Ehrgeiz. Wenn ich die Virenschleuderpreis-Lobreden mitlese, sehe ich Inhalte. Und Ehrgeiz. Wenn die Autorenrunde „Profis“ lädt und „Amateure“… und ich bei vielen Wortwechseln merke: „Das kann man so nicht trennen. Wir alle sind dauernd Profis. Und wir sind alle dauernd Amateure“, dann sehe ich Ehrgeiz… und Identitäten.

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Buhru: Urhub.

Notruf: Urton.
Tonruf: Urnot.
Heilruf Ur lieh.
Furzruf: Furzruf

Titus Meyer: „Meiner Buchstabeneuter Muchwuchtordnung“erschienen bei Reinecke & Voß, März 2015.

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Nach der Autorenrunde gehe ich rüber in Halle 5, zu den jungen Verlagen. Man stellt mir Bertram Reinecke vor – ein Lyriker und Essayist und eine wichtige Stimme in den Poetik-Diskussionen jüngerer deutschsprachiger Literatur. Ich lese ihn gern. Wir sahen uns noch nie. Erst jetzt verstehe ich, dass er auch Bücher verlegt – in einem eigenen Verlag, Reinecke & Voß. Er stellt mir Titus Meyer vor, einen jungen Lyriker, der mit Palindromen arbeitet, Buchstaben und Silben immer neu stellt, Worte in Einzelteile zerlegt und spielerisch neu montiert. „Das ist gut!“ sage ich und lese den Gedichtband am selben Abend. „Darf ich eines davon im Blog veröffentlichen?“ Ich darf.

Ich gehe in seltsamer Stimmung ins Bett. Denke über Ehrgeiz nach. Persönliche Träume, Rollen und Selbstdarstellung.

Was würden meine Nachbarn denken? Zufällige Nicht-Buchleser? Fremde? Über die Autorenrunde, die Dozenten, die Kleinverleger und Profi-Schreiber und Palindromdichter und Lyrik-Essayisten, die „Virenschleuder“-Tausendsassas und Leander Wattig?

Messen sind Orte der Selbstdarstellung. Jeder hier will etwas sein, als etwas verstanden werden. Ich sehe den ganzen Tag hier Menschen, die etwas werden wollten. Ihr Ziel bisher zu zehn oder 40 oder 85 Prozent erreicht haben. Und sich – für diese kurzen, langen Tage auf der Messe, immerhin, unter Gleichgesinnten, beim Netzwerken und Sich-Verstanden-Wissen – kleiden wie die Idealversion ihrer Selbst. Die Version, die ihre Ziele schon zu 100 Prozent erreicht hat. Ihre Rolle ausfüllt. Deren Auftritt nichts Gewolltes, Kostümhaftes mehr nachweht.

„Fake it until you make it“? Hochstapler? Möchtegerns? Verlierer?

Nein:

Bekloppte. Idealisten! Im besten Sinn.

Leander Wattigs Initiativen fragen immer neu: „Du machst was mit Büchern? Bring dich ein. Komm vorbei. Sag, wer du bist. Und wer du werden willst.“ Viele Menschen, die das anspricht, sind noch unterwegs: diese „Virenschleuder“-Texte, diese „Autorenrunden“-Outfits sind gewollt. Kostümhaft. Doch wir wachsen weiter rein. Alle. Werden, je nach Typ, Temperament und Ehrgeiz schell dreiviertel- oder zweifünftel- oder komplettprofessionell.

Es geht um Rollen. Sehnsucht. Anspruch. Berufung und Identität.

Und oft genug zuallererst darum, einen Atompilz-Seidenschal zu tragen. Ein Manga-Kostüm. Oder einen Palindrom-Gedichtband stolz zu präsentieren. Zu wissen: Die Nachbarn daheim würden die Augen rollen. Aber hier und heute bin ich genau richtig – so.

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Stefan Mesch (Foto: privat)

Stefan Mesch (Foto: privat)

Der Autor Stefan Mesch protokolliert für Deutschlandradio Kultur wie zuvor in Frankfurt seine Eindrücke von der Buchmesse. Er schreibt an seinem ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”, und empfiehlt Bücher unter stefanmesch.wordpress.com und auf Twitter.